Wenn ein Kind stirbt

 … denn es fehlt einer
Wir wären eigentlich drei,
und sind doch nur zwei,
denn es fehlt einer,
und dennoch fehlt keiner,
denn einer ist immer dabei.

Wir wären eigentlich drei,
drei Brüder, die durchs Leben gingen,
drei, die gemeinsame Lieder singen,
drei Kameraden, die zusammen lachten,
drei waren`s, die oft Späße machten,
aber wir sind nur zwei,
denn es fehlt einer,
und dennoch fehlt keiner,
denn einer ist immer dabei.

Dabei, wo zwei gehen und singen,
dabei, wo zwei lachen und Späße machen.
In Wirklichkeit kann uns niemand trennen:
Auch wenn es so aussieht,
als wär`n wir nur zwei…
Denn – einer ist immer dabei.

Jutta Klinkhammer-Hubo
aus: »Noch einmal sprechen dürfen von der Wärme des Lebens…«
Texte aus der Erfahrung von Trauernden
Mechtild Voss-Eiser
Herder Spektrum, Band 4559


Wenn ein Kind stirbt…

…oder sogar mehrere, ist das Leben unerträglich und scheint sinnlos zu sein. Dem Schmerz folgt irgendwann vielleicht auch eine große Wut – „Warum wir?“, „Warum unser Kind?“. Und nicht bei jedem ist dieser Trauerprozess gleich.

Wir wissen, wie schwer das ist, wir haben selbst ein Kind verloren – unsere kleine Kampfmaus Chiara. Doch sind da vor allem noch die anderen Kinder. Sie brauchen Euch und sie brauchen Euch als Eltern, so wie Ihr für alle sein wolltet. Für Euer totes Kind könnt Ihr nichts mehr tun als sein Grab zu pflegen und ihm in Gedanken von Eurem Leben zu erzählen.

Der ABC-Club hat Mitglieder, die diese schmerzliche Erfahrung machen mussten. Wir sind froh darüber, dass sie nicht ausgetreten sind, weil sie sich womöglich „nicht zugehörig“ fühlen. Sie sind und bleiben Mehrlingsfamilien und sie verdienen die Unterstützung des ABC-Clubs.

Was können wir für Euch tun? Wir können v.a. Erfahrungsaustausch anbieten. Egal, ob per Telefon, E-mail oder persönlich, z.B bei einem Familientreffen, wir hören Euch zu, erzählen Euch von uns, zeigen Euch vielleicht Wege auf, in ein „normales“ Leben zurück zu finden.

Wir können niemandem sein Kind wiedergeben oder den Schmerz nehmen. Aber Ihr sollt wissen, dass Ihr nicht allein seid.

Alles Gute für Euch!

Diana und Thomas Wiedenbeck
ABC-Report Redaktion

P.S. Unsere Geschichte erfahrt hier.


Geschichte von Mandy:
Es kam alles ganz anders
Meine Zeit mit Kenny
Sten´s Geschichte
Die erste Zeit zu Hause
Das Grab und der Grabstein

Es kam alles ganz anders – oder Welt bitte einmal stehen bleiben

Anfang 2012: Diese Zwischenblutungen hören nicht auf – na dann ab zum Frauenarzt. Blöder NuvaRing dann muss halt mal was neues her. „Hmmm“ meinte mein Arzt nur und dann „Herzlichen Glückwunsch! Sie sind schwanger! SSW 7“
Mir wurde ganz schwindlig. Schwanger?!? Unsere Familienplanung war abgeschlossen.

Unsere Familie sind (waren) mein Mann und Ich und unsere 3 Kinder (14 , 13 und 5 Jahre alt). Unter Tränen erzählte ich meinem Mann vom „freudigen“ Ereignis. Sein Kommentar. „Ach das Vierte schaffen wir auch noch.“

Nun denn Kopf hoch, die Welt dreht sich weiter.

SSW12 : Nächster Kontrolltermin beim Frauenarzt. Voller Erwartung auf das erste Ultraschallbild wartet mein Mann zu Hause. Ich zeige ihm Tränen überströmt das Bild, und tippe mit dem Finger auf die Zwei winzigen Punkte. Mein Mann wird ganz bleich im Gesicht. Zwei Babys, wie soll man das nur schaffen?

Aber was soll´s? Kopf hoch die Welt dreht sich weiter.

Es folgen viele Untersuchungen beim Frauenarzt. Ich neige zu Frühgeburten, meine großen Kinder hatten es immer eilig. Ultraschall hier und Ultraschall da. Die Zeit verrinnt wie im Fluge. Mein Bauch wächst und ich genieße die Schwangerschaft.

SSW 20: Heut ist Kindertag und mal wieder Ultraschall – hoffentlich erfahren wir endlich das Geschlecht der Krümelchen. Ich liege mit meiner dicken Murmel und der Frauenarzt beginnt mit dem Ultraschall. Komisch, heut ist der Herr Dr. ganz still. Sein Gesicht ganz ernst. Ich frage ihn ob alles okay ist – mache mir aber nicht wirklich Gedanken. Die Babys strampeln kräftig und ich bin mir sicher, dass nichts schlimmes ist. Er schaut mich an und meint: „Sie müssen jetzt ganz stark sein.“ Wie? Was? Was meint er denn? Ich schaue auf den Monitor und sehe ein kräftig schlagendes Herz und gleich daneben Herzchen Nummer zwei. „Und was ist das?“ frage ich ihn. „Was schlägt da?“ Ja da war es, Krümelchen Nummer drei. DRILLINGE!!!

Alles dreht sich. Ich scheine in einem Strudel zu ertrinken. Drillinge! Ich lese stundenlang im Internet. Versuche zu verstehen was hier gerade passiert. Alle behandeln mich wie ein rohes Ei. Ich bekomme Angst, möchte die Zeit anhalten. Alles scheint mir aus den Händen zu gleiten…

SSW 22: Feindiagnostik. Wir erfahren, dass es eineiige Drillingsjungs sind. Wunderbar! Mein Mann stolz wie Oskar. Und dann bleibt für einen kurzen Moment die Welt stehen. Ein Baby ist krank. Sehr krank. Wir werden in eine Spezialklinik überwiesen. Leider bestätigt sich die Diagnose. HLHS (Hyperplastische Linksherzsyndrom). Wir bekommen den Rat – Abzutreiben. Ein Frühchen hätte keine Chance die schweren anstehenden Herzoperationen zu überstehen, falls es überhaupt lebendig zur Welt kommen würde. Mein Mann fragt vorsichtig nach den anderen beiden Babys. Ich bin unfähig zu reden. „Ja die gehen dann auch. Bei Eineiigen ist ein Fetozid nicht möglich.“ Bekommen wir zur Antwort. Wir gehen! Das kommt nicht in Frage!

Ich kann nicht schreiben wie es mir in den folgenden Tagen ging. Ich weiß es einfach nicht mehr. Erinnern kann ich mich nur an die unendlich vielen Tränen welche geflossen sind. habe.

Langsam kann ich wieder denken und habe eine Entscheidung getroffen. Meine Babys bleiben. Ich versuche die Schwangerschaft zu genießen. Jeden Tag bewusst wahr zu nehmen mit meinen 3 Jungs, streichle meinen Bauch, singe Lieder, lese Bücher vor. Meine 3 Jungs alle bei mir ganz nah. Es kann doch nicht sein, soviel Freude und Leid auf einmal.

Meine Freundin fragte mich: „Wie fühlt es sich an ein Kind im Bauch zu haben was stirbt?“
Eine Antwort hat sie bis heute nicht erhalten. Aber ich bin Dankbar für die Zeit – mit meinen Drillingen in meinem Bauch.

Ganz eng verbunden – ganz nah. Welt bleib bitte stehen! Ich möchte immer schwanger sein. Euch 3 immer bei mir haben. Für Immer!

SSW 27: Blasensprung! Oh nein. Nicht schon jetzt- ich bin noch nicht bereit Dich gehen zu lassen mein Baby. Mit Blaulicht geht es in die 70 km entfernte Klinik. Ich erinnere mich noch wie ich zur Hebamme kurz vor der Narkose sage: „Ich möchte aufwachen und mein Baby im Arm halten. Legt ihn nicht einfach weg…“

15. Juli 2012
10.01 Uhr Bruno 950 g 36 cm
10.02 Uhr Sten 910 g 35 cm
10.03 Uhr Kenny 830 g 35 cm


Bruno, Kenny, Sten

Ohne Baby erwache ich. Alle 3 liegen im Brutkasten. So kleine Menschlein, alles dran, zerbrechlich, zart und wunderschön.

Der Oberarzt auf der IST gratuliert mir zur Geburt und wünscht mir gleichzeitig viel Kraft für die bald folgenden schweren Stunden, Wochen, Tage und Jahre. Wie recht er doch hat – ich weiß es nur in diesem Moment noch nicht.

Kenny´s Schicksal ist entschieden. Keine OP´s! Wer wissen will, warum wir so entschieden haben, kann sich gern an mich wenden. Ich mag mich nicht rechtfertigen, möchte nicht dass er auf einem OP-Tisch kilometerweit von mir entfernt stirbt.

Soviel Glück und Leid auf einem Haufen. Ich bin gar nicht mehr ich selbst. Lebe im (Alb)traum.
Zum Bild: Es war ein riesen Wunsch von mir, mal ALLE im Arm zu halten. Und es war auch leider nur dieses einzige mal….

29.August 2012
Kenny stirbt. Leider sind wir nicht bei Ihm. Fahren aber nach dem Anruf sofort in die Klinik.
Ich halte mein Baby im Arm. Meinen Kenny. Danke mein klitzekleines Käferchen für die besondere Schwangerschaft und die 6 Wochen und 3 Tage, die du mir geschenkt hast.

Egal ob die Welt sich dreht oder nicht. Die Zeit rennt oder nicht.
Ich liebe Dich für immer – Deine Mami


Links

Foren-Bereich für trauernde Eltern:
www.drillis.net/trauerecke-f38/p1.html
www.sternenkinder.de
Links:
http://www.climb-support.org/ – Center for Loss in Multiple Birth (CLIMB), Inc.
http://jumelle.ca/category/loss-of-a-baby-infants-or-children/